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exex_2007

alex meszmer, deconstructing eden – fragments of a perfect life

«deconstructing eden – fragments of a perfect life» nimmt eine altertümliche annahme, dass der garten eden nach dem sündenfall zerbarst und sich in alle winde verstreute, zum anlass, vorstellungen des idealen lebens, die entfremdete beziehung von mensch und natur und den einfluss der kultur zu erforschen.

die sehnsucht nach dem ursprung, dem unschuldigen und den utopien ist beweggrund für viele fachgebiete, in details einzutauchen und diesen zustand zu untersuchen, sein verlorengehen zu ergründen und an rekonstruktionen zu basteln. die naturwissenschaft sucht die dinge zu ergründen und zu erklären, die literatur verführt uns mit entzückenden berichten aus arkadien, die philosophie versucht die diskrepanz zwischen natur und kultur zu überbrücken, die esoterik entführt uns nach atlantis, die kunst hält uns den spiegel unserer träume und vergehen vor und ab und an finden sich in kleinen geschaffenen welten partikel paradiesischer perfektion.

natur «…sei das ursprüngliche und damit auch das ursprüngliche gute, sie sei etwas massgebendes, sie sei, dasjenige, was von selbst da ist, das den verlässlichen und umschliessenden hintergrund unseres irdischen daseins bildet.» stellt gernot böhme in seinem buch: natürliche natur – natur im zeitalter ihrer technischen reproduzierbarkeit» fest. und: der naturbegriff erhält seine bedeutung im wesentlichen durch die entgegensetzung zum menschlichen: zur kultur, zur technik, zur setzung, zur erziehung. die naturerfahrung findet in der direkten konfrontation des einzelnen mit der natur statt. ueli steck, ein schweizer bergsteiger, stellt in einem fernsehporträt fest, dass der mensch nur im alleinsein mit der natur, diese voll erfahren kann. wenn er mit einem partner unterwegs ist, wird er abgelenkt durch gespräche und die nähe des anderen. die natur bleibt aussen vor. nur im alleingang kann er sich voll auf seine umgebung und die schönheit der natur einlassen.

vilem flusser sieht den gegensatz von natur und kultur im blick aus dem fenster bei schlechtem wetter: «es ist gemütlich, durch das fenster dem regen zuzuschauen. dort draussen spielen die naturkräfte und kreisen sinnlos wie immer. derjenige, der von dem kreisen erfasst wird, ist machtlos dem heftigen wirbel und unkontrollierten kräften ausgesetzt. hier drinnen sind andere prozesse im spiel. die ereignisse lenkt der, der drinnen ist. die ursache für das gefühl der geborgenheit ist das gefühl, sich während des sinnlosen ungestüms der natur inmitten von geschichte und kultur zu befinden. die tropfen, die vom stürmischen wind gegen das fensterglas schlagen, in den raum aber nicht eindringen können, bilden den sieg der kultur über die natur. wenn ich durch das fenster dem regen zuschaue, bin ich nicht nur ausserhalb des regens, sondern befinde mich in einer ihm entgegen gesetzten situation. diese situation charakterisiert die kultur; und zwar ihr vermögen, die natur aus der distanz betrachten zu können.» das erhabene der natur spricht zum einzelnen, er wird klein und schrumpft auf seine wirklichkeit zurück. er kann seine kräfte messen mit der natur und sich beweisen, er muss sich auf seine umgebung und die lauernden gefahren einlassen.

das paradies ist synonym für viele dinge geworden: palmenstrände am meer, center parks, naturschutzreservate, aussteigerkommunen, das ferienhaus in italien oder die sehnsucht nach einer beziehung. der kleinste gemeinsame nenner ist der private garten: angelegt als ausdruck persönlicher vorlieben, entführt er uns in geheime ideen einzelner, die sich ihr kleines glück dem öffentlichen leben abringen. solitäre naturerfahrungen von einzelgängern bescheren uns erhabene naturerlebnisse durch fernsehen oder bildbände, die uns in mythische gefilde abgleiten lassen.

betrachtet man das wort paradies etymologisch, so lässt es sich aus dem altpersischen «para-dae’za» ableiten und bedeutet so viel wie umzäunter park oder lustgarten. aus einem ähnlichen zusammenhang stammt das wort garten, dass sich in seiner entwicklung auf den begriff des eingrenzens und umzäunens bezieht. der indogermanische wortstamm «ghordho» bedeutet sowohl hof, als auch gehege und findet sich auch im lateinischen wort «hortus», garten, wieder.

die grenze, die umzäunung markiert eigentlich den abstand zum nächsten, die individuelle freiheit und solitäre erfahrung erst ermöglicht. in unserer urbanisierten gesellschaft sind diese abstände minimal geworden und paradiese sind immer dann am schönsten, wenn sie woanders sind. als gott adam eva zur seite stellte, vollzog er da bereits den ersten schritt zur menschlichen gesellschaft, zur sozialen gruppe, die sich von der umgebung zu trennen begann? eden kann nur noch in form von träumen, wünschen, und illusionen erreicht werden und unsere vergeblichen versuche über kombinieren, zusammentragen und ausprobieren wieder ein gesamtbild zusammenzufügen, scheitern spätestens an unseren mitmenschen.

somit können wir eden nie mehr erreichen, weil uns unsere spezies immer und überall begegnet. stecks sehnsucht nach einsamkeit erinnert fast an huxleys wilden aus «brave new world»: in einer gesellschaft, die sich ganz dem glücklichen leben durch konsum verschrieben hat, bleibt nur soma, die droge, als flucht. einzelne, die versuchen diese prinzipien zu durchbrechen müssen scheitern, werden separiert oder sie scheitern an der neugier und sensationslust ihrer mitmenschen.

die sozioökologie und die erfolgreiche ausbreitung unserer spezies, einschliesslich der klärung grundlegender fragen der organisation von zusammenleben haben dazu geführt, dass unser hauptaugenmerk auf unsere menschliche umgebung gerichtet ist. viele menschen, die auf kleinem raum zusammenleben, bedürfen straffer systeme der organisation, um reibungslos miteinander zu funktionieren. diese strukturen fordern anpassung und widersprechen zuweilen individuellen wünschen. gesellschaftliche systeme sind träge und passen sich notwendigen entwicklungen nur dann an, wenn entweder ein grossteil der beteiligten oder die einflussreichsten des systems profitieren können. widerstand und auflehnung werden bestraft – im härtesten fall durch ausschluss aus der gesellschaft. die sehnsucht nach einem leben ohne beschränkungen durch normen und gesetze bleibt unerfüllt und wird durch begriffe umschrieben: natur, ursprung, eden.

der mythos, aus dem paradies vertrieben worden zu sein, hat uns über jahrhunderte bewegt, unseren ideen zu folgen, selbst zum schöpfer zu werden und utopische vorstellungen auszuprobieren. der weg zurück jedoch, scheint verbaut.

 

 

 

 

alex meszmer eröffnet die ausstellung «deconstructing eden».