pool position #01.

marion landolt. zur arbeit von anina schenker.

Anina Schenker (*1971) absolvierte eine Ausbildung zur Theatermalerin, arbeitete an verschiedenen Schauspielhäusern und gründete bereits 1992 ein eigenes Atelier in dem sie als selbständige Bühnenbildnerin vor allem Projekte für professionelle freie Theatergruppen realisierte. 1999 nahm sie ihr Studium an der Hochschule für Gestaltung und Kunst in Zürich auf, das sie in diesem Sommer abschliessen wird.
Anina Schenker ist seit 1995 als freie Künstlerin tätig. Abgesehen von wenigen Exkursen in das Gebiet von Fotografie und Performance schafft sie seit 1998 konsequent im Bereich von Video-Kunstschaffen. Aus ihrem umfangreichen Werk zeigt sie im ersten Segment der Ausstellung die vierteilige Videoarbeit «Living in a box» aus dem Jahr 2000 und eine Fotografie mit dem Titel «One bad moment» aus dem gleichen Jahr.

Im Zentrum der Arbeit von Anina Schenker steht die Auseinandersetzung mit ihrem eigenen Körper. Sie betrachtet diesen Körper als grundlegendes Arbeitsmaterial, das ihr jederzeit zur Verfügung steht und dem sie extreme Erfahrungen abverlangt. Erfahrungen, die sich oft an der Grenze des physisch erträglichen bewegen. Ob sie sich nun in einer Performance in einem Park in Petersburg 30 Minuten lang leicht bekleidet, einer Temperatur von minus 25° aussetzt, oder ob sie sich vor laufender Kamera einer 40 minütigen Tätowierungstortur unterzieht, stets ist sie auf der Suche nach den visuell nachvollziehbaren Reaktionen, mit denen ihr Körper auf diesen Ausnahmezustand antwortet. Getrieben von der Frage inwiefern sich ausserordentliche innere Vorgänge in der äusseren Erscheinung einer Person manifestieren.

Immer wieder versetzt sie sich in einer fast schon wissenschaftlich, empirischen Besessenheit in die Rolle einer «Madame la vivisecteuse». Mit dem Unterschied, dass in der Wissenschaft die Aufgaben klar verteilt sind: auf der einen Seite gibt es den Forscher und auf der anderen Seite den Probanten. Der eine Teil ist passiver Beobachter, der andere aktiv Erlebender. Das was vom Einen real erfahren wird, wird vom Anderen wissenschaftlich ausgewertet. Anina Schenker hingegen wäre niemals bereit, eine andere Person derartigen Belastungen auszusetzen und übernimmt deshalb konsequenterweise beide Parts in ihren performativen Selbstexperimenten.
Das unbestechlichen Auge der Camera wird hierbei zum Supervisionsinstrument. Sie zeichnet auf, ab welchen Punkt der frierende Körper auf die unerträgliche Kälte damit reagiert, dass die Fingerknöchel zunächst weiss und dann blau werden? Wann das berühmte Zähneklappern eintritt. Und wie sich das Aussehen eines Menschen verändert, wenn die Umstände ihn dazu zwingen, alle normalerweise so streng eingehaltenen Regeln zur Wahrung des äusseren Scheins aufzugeben.

In ihrer Arbeit «Living in a Box» lässt sich die Künstlerin - ähnlich wie der holländische Performancekünstler Ben d'Armagnac zu Beginn der 70er Jahre - in eine monitorgrosse Holzkiste einschliessen, die von einer Glasscheibe abgeschlossen wird. In vier verschiedenen Sequenzen, dargestellt auf vier Monitoren, in unterschiedlicher Position im Raum installiert, entwickelt Anina Schenker eine eindrückliche Abhandlung zum Thema «Wohnen/Leben/Tod». Auf dem ersten, um 90° gedrehten Monitor sehen wir zunächst einmal nichts als eine grosse weisse Fläche, die den Bildschirm hermetisch abschliesst.
Leise Kratzgeräusche dringen penetrant an unser Ohr, erzwingen Aufmerksamkeit. Tatsächlich entsteht nach und nach eine Spur auf der weissen Mattscheibe. Wir sehen Finger, die das weisse Material wegkratzen. Das, was auf den ersten Blick wie eine Eisschicht wirkt, entpuppt sich als weisse Farbschicht hinter der sich nun schemenhaft Körperteile abzuzeichnen beginnen. Dann endlich wird ein Mensch sichtbar. Eine Frau, die zusammengekauert, nackt und schutzlos unserem Blick ausgesetzt ist und die ihrerseits suchende Blicke in den Raum ausserhalb ihrer Box wirft. Offensichtlich hat das Entfernen der Farbe die Person sehr erschöpft, sehen wir sie doch auf dem zweiten Monitor schlafend an die Scheibe gekuschelt und nur hie und da ihre Position verändernd. Ein fast friedliches Bild, das noch durch die standardmässige Position des Monitors unterstützt wird, wäre da nicht diese unerträgliche räumliche Enge. Der dritte Monitor verlangt von uns einigen körperlichen Einsatz, hängt er doch quasi kopfüber von der Decke und zwingt uns in unbequemer Haltung unter ihn zu kriechen, wollen wir denn sehen, was sich auf der Bildfläche abspielt. Doch die Belohnung für unsere Mühe wird uns verweigert. Die Hitze, des in die Box eingeschlossenen Leibs hat die Farbe an der Scheibe zum schmelzen gebracht, eine undefinierbare breiige Masse bedeckt den Schirm und lässt den Blick auf den Körper der Performerin nur bedingt zu. Der vierte Monitor liegt quasi auf dem Rücken und der darin erscheinende Raum ist bis auf eine Höhe von 3cm unter dem oberen Abschluss mit Wasser gefüllt. Die Künstlerin sitzt in der Falle, viel Raum zum Atmen bleibt ihr nicht.

Mit einem minimalen Einsatz von Materialien und Requisiten erprobt Anina Schenker ihre physischen und psychischen Möglichkeiten. Das Durchhalten einer belastenden oder gefährlichen Situation wird zum Thema ihrer hier gezeigten Videoarbeit. Sie stellt sich damit ganz in die künstlerische Tradition der Anfänge der Videoperformances. So fühlen wir uns z. B. an Bruce Nauman erinnert, der sich in seinem frühen Werk besonders mit der Frage beschäftigte, auf welche Art sich Dinge im Raum befinden. Das körperliche Verhalten der Dinge brachte ihn schliesslich dazu, die Dinge durch seinen eigenen Körper zu ersetzen. Er führte, meist in seinem Atelier streng konzipierte Körperübungen im Raum durch, die er mittels Foto, Film oder Video dokumentierte. Anina Schenker verfolgt eine vergleichbare Strategie. Wie Bruce Nauman entscheidet auch sie sich bewusst für das Medium Video. Genau wie er sucht sie eine geschützte, fast intime Raumsituation, in der im kleinen Team, oder auch ganz allein die jeweilige Arbeit entsteht. Eine Arbeit, in der der Körper als einzigartiges Instrument sowohl für formale Untersuchungen, als auch zur Darstellung existentieller Fragen eingesetzt wird. Die Öffentlichkeit einer Live-Performance würde ihrer Suche nach Erkenntnis - die immer auch Selbst-Erkenntnis ist - nur hinderlich sein.