pool position #01.

fritz scheibler. familienaus(f)stellung.
vortrag. (2/6)

Genug der grossen Politik! Wenn sie sich weitergehend mit der Problematik der famili�r bedingten Sozialisationstraumata dieses Mannes besch�ftigen wollen, kann ich ihnen das Buch «Stupid White Men» von Michael Moore (Piper 2002) w�rmstens empfehlen.

Aber zur�ck zu den Rollen: Man bezeichnet unbewusste Rollenmuster derer wir uns im Alltagsleben zuhauf bedienen als den «Eisberg sozialer Ordnung». 90% aller Interaktionen verlaufen gewissermassen unter Wasser, also nicht bewusst reflektiert ab - behaupten zumindest die Soziologen. Um diese Behauptung zu �berpr�fen, wurden von dem Ethnomethodologen Herbert Garfinkel und seinen Studenten die sogenan-nten «Krisenexperimente» entwickelt. Im Krisenexperiment wird ein Realit�tsbruch erzeugt, der zur Überpr�fung selbstverst�ndlicher Annahmen und Wahrnehmungen zwingt und die Br�chigkeit und Offenheit allt�glicher «Routinen» demonstriert.

Diese Krisenexperimente, bei denen sozial Allt�gliches, Unhinterfragtes pl�tzlich auf den Kopf gestellt wird, bei denen jemand im wahrsten Sinne des Wortes «aus der Rolle f�llt», waren vor allem in den 60er/70er Jahren beliebte Elemente theatralischer Inszenierungen. Als Beispiel sei hier eine Performance von Ruedi H�usermann genannt, bei der er (mit einem Schauspielkollegen) Polizeiuniformen anzog, und mit dem kleinen Finger eingehakt durch St. Gallen lief. Statt Strafzettel zu verteilen, wurden kleine Bleistiftskizzen von den falsch-geparkten Fahrzeugen angefertigt. Die in der Bev�lkerung ausgel�ste Irritation k�nnen Sie sich wahrscheinlich vorstellen. [Ich hoffe ich habe die Geschichte richtig wiedergegeben. Ich kenne sie nur aus Erz�hlungen meines Onkels - was �brigens ein weiterer Beleg f�r die These der famili�ren Bedingtheit jeglichen Schaffens ist.]

Krisenexperimente sind m. E. auch integraler Bestandteil der Arbeit von Christoph Schlingensief.

 

Wenn er Beispielsweise vor der Wiener Staatsoper einen Container aufstellt und in grossen Lettern «Ausl�nder Raus!» daraufschreibt, dann f�hlen sich sogar die Linken v�llig verunsichert. Nachdem der Container von mutigen Linken gest�rmt und die Aufschrift entfernt worden war, tauschte Schlingensief sie gegen «Unsere Ehre heisst Treue» aus. Ein Spruch, der in den Wochen davor dem FPÖ-Landesobmann f�r Nieder�sterreich Ernest Windholz entfleucht war. Und jetzt kam der Bruch: Schlin-gensief wurde von J�rg Haider wegen «Wiederbet�tigung» angezeigt. Verstehen Sie jetzt, was ich mit «aus der Rolle Fallen» meine? [An diesem Beispiel wird m. E. besonders deutlich, dass es Schlingensief nicht lediglich um platte Provokation geht. Er nennt diese Form des Krisenexperimentes «Selbstprovokation».]

Aber zur�ck zu George Herbert Mead und der Sozialisation: Nicht nur, um uns in der Gesellschaft zurechtzufinden, m�ssen wir die Rollen anderer Individuen verstehen und interpretieren k�nnen. Mead sagt, dass sich eine Pers�nlichkeit, also Individuali-t�t nur durch Selbstreflexion im sozialen Kontext entwickeln kann. Ich zitiere:
«Wir sehen uns mehr oder weniger unbewusst so, wie andere uns sehen. [�] Wir l�sen st�ndig, insbesondere durch vokale Gesten, in uns selbst jene Reaktionen aus, die wir auch in anderen Personen ausl�sen, und nehmen damit die Haltungen anderer Personen in unser eigenes Verhalten herein. [�] Die kritische Bedeutung der Sprache f�r die Entwicklung der menschlichen Erfahrung liegt eben in der Tatsache, dass der Reiz so beschaffen ist, dass er sich auf das sprechende Individuum ebenso auswirkt wie auf andere.» (Geist, Identit�t und Gesellschaft. Suhrkamp 1968; S. 108)

Also pointiert ausgedr�ckt: «Wir m�ssen andere sein, um selbst sein zu k�nnen.» Bezogen auf Kunst oder jegliche Form des individuellen kreativen Ausdrucks l�sst sich daraus ableiten, dass - aus einer soziologischen Perspektive - das Werk nicht nur aus einer kreativen Monade, dem Genius (oder dem Kunstgen), sondern auch ganz wesentlich aus einer spezifischen sozialen bzw. famili�ren Konstellation heraus entsteht.

Meine erste Hypothese lautet daher:
Jede K�nstlerin und jeder K�nstler ist ein soziales Wesen. Das Werk entsteht auch bei noch so verkannten Eigenbr�tlern immer aus einem sozialen Kontext heraus.

Was ist daran so verwunderlich? werden Sie jetzt fragen. Nichts. Nur die Feststellung, dass dieses Werk dann eben auch aus einem sozialen Kontext heraus interpretiert werden sollte. Z.B. im Rahmen einer Gruppenausstellung.

Soweit zur Produktion von Kunst und zur Person des K�nstlers oder der K�nstlerin selbst. Interessant erscheint mir dar�ber hinaus aber auch noch die Frage, wie Kunst von den Betrachtern aufgenommen wird.

«Genaugenommen wird das Werk gar nicht vom K�nstler geschaffen, sondern vom Betrachter erfunden.» - Das ist meine zweite Hypothese.

Die sogenannten Konstruktivisten - ich meine nicht den russischen Konstruktivismus der 20er/30er Jahre, sondern den radikalen Konstruktivismus als Erkenntnistheorie - gehen davon aus, dass die Welt nicht erfahren, sondern erfunden wird. Von jedem Individuum in jeder Situation aufs Neue. Anders formuliert befindet sich der Mensch grunds�tzlich in einer zirkul�ren und operationell geschlossenen Situation, solange er seine Identit�t auf der Unterscheidung zwischen sich und der Umwelt aufbaut (Maturana/Varela 1987: Der Baum der Erkenntnis, Goldmann 1990). Die operatio-nelle Geschlossenheit bedeutet, dass der Mensch auf seine Umwelt ausschliesslich mittels interner Verhaltensweisen reagieren kann.

 

Aktion und Erkenntnis sind daher aufeinander ange-wiesen ohne Referenz an einer gegebenen Wirklichkeit: die Wahrheit wird nicht gefunden, sondern vom Subjekt gemacht (Rorty 92). Oder, um es in den Worten des radikalen Konstruktivismus auszudr�cken: «My nervous system does not, indeed, cannot, tell me what is 'out there', not because of mechanical but because of logico-semantical reasons. [�] My nervous system cannot tell me anything because it is 'me': I am the activity of my nervous system, all my nervous system talks about is its own state of sensory-motor activity» (von Foerster 95).

 

Angefangen hat dieses Hirngespinst in Chile, wo sich Maturana und Varela auf Zellebene mit Erkenntnisprozessen besch�ftigten und herausfanden, dass Zellen nur auf ganz bestimmte Reize reagieren k�nnen, n�mlich jene, die in ihren Programm vorhanden sind. Alle anderen Reize f�hren h�chstens zu Irritationen, l�sen jedoch keine spezifischen Reaktionen in der Zelle aus.

 

Der Kognitionswissenschaftler Heinz von Foerster, nebenbei ein Neffe Ludwig Wittgensteins, erl�uterte dieses Ph�nomen mit dem Blinden Fleck im Auge. Von ihm stammt der Satz: «Ich sehe nicht, was ich nicht sehe.» Dieses logische «Sprachspiel», wie es sein Onkel bezeichnen w�rde, hat weitreichende Konsequenzen. Systemtheoretiker Luhmann�scher Provenienz w�rden es als die Selbstreferenzialit�t bezeichnen. Alle Erkenntnis basiert auf rekursiven Operationen. D.h. dass das Ergebnis einer Operation wider in die n�chste Operation mit einfliesst.

 

Optisch dargestellt lassen sich rekursive Operationen in Form von Fraktalen.

 

 

r�ckw�rts |  vorw�rts
teil 1 |  teil 2 |  teil 3 |  teil 4 |  teil 5 |  teil 6

 

zur�ck zum projekt