pool position #01.

fritz scheibler. familienaus(f)stellung.
vortrag. (3/6)

Was ist daraus die Konsequenz f�r die Rezeption von Kunst?

Kluge K�pfe - mit vornehmlich franz�sisch klingenden Namen - haben sich dazu in den letzten Jahren verst�rkt den Kopf zerbrochen und es ist mittlerweile beinahe unm�glich, sich einen Vortrag von Kunstkritikern Dietrich Dietrichsen�schen Kalibers an zu h�ren, ohne dabei �ber die zw�lf Apostel des De-Konstruktivismus zu stolpern. Dieses Kapitel werde ich Ihnen heute ersparen. Es gibt dazu �brigens ein gef�rchtetes Standardwerk von Reclam (1990): Postmoderne und Dekonstruktion . (Untertitel: Nur die Harten kommen in den Garten)

Maturana und Varela haben die Implikationen des radikalen Konstruktivismus f�r die menschliche Interaktion in folgenden Worten sehr pr�zise beschrieben:
«Jede Person sagt, was sie sagt, und h�rt, was sie h�rt, gem�ss ihrer eigenen Strukturdeterminiertheit � Das Ph�nomen der Kommunikation h�ngt nicht nur von dem ab, was �bermittelt wird, sondern von dem, was im Empf�nger geschieht»

Das heisst also f�r die Rezeption von Kunst, dass eine klassische Form der Ausstellung (wo beispielsweise Bilder akkurat an der Wand h�ngen und der Betrachter - ohne weitere Ber�hrungspunkte mit der Person des K�nstlers - alleine gelassen wird), die denkbar unwahrscheinlichste Art ist, Information (oder Emotion, Weltsicht, Erkenntnisse, �) vom K�nstler auf den Betrachter zu transferieren. Im Konstruktivismus spielt f�r Erkenntnis die Kommunikation (oder Interaktion) eine weit wichtigere Rolle, als die reine Information. Eine so verstandene Kunstrezeption setzt also eine aktive (und direkte, k�rperliche) Auseinandersetzung mit dem K�nstler voraus.

Was sind also die Implikationen meiner beiden Hypothesen auf das menschliche Handeln bzw. die Produktion von Kunst?

Mich pers�nlich interessiert am meisten diese gegenseitige Bedingtheit von individu-eller Psyche und Gesellschaft bzw. sozialem Netz. Namen wie Gregory Bateson Marianne Kr�ll oder Paul Watzlawick stehen f�r diese Richtung des Überganges zwischen Soziologie Erkenntnistheorie und Psychologie. Beispielsweise besch�ftigt sich die systemische Therapie mit der sozialen Bedingtheit von psychischen Erkran-kungen.

Ich rede hier immer von Krankheit und Pathologie. Das muss wohl daran liegen, dass ich im Krankenhaus arbeite� Systemische Ans�tze besitzen aber auch f�r Gesunde ihre G�ltigkeit. Wie ich oben bereits gesagt habe gehe ich davon aus, dass jeder Mensch, jede Psyche, jegliche Kreative Äusserung aus dem jeweiligen sozialen System heraus am ehesten erfasst und verstanden werden kann.

Vielleicht ist dieser Ansatz am besten beschrieben mit den Worten Rosa von Praunheims: «Nicht der Homosexuelle ist krank, sondern die Gesellschaft in der er lebt.»

Marianne Kr�ll zeigt die famili�re Bedingtheit eines kreativen Prozesses sehr eindrucksvoll am Beispiel der Psychoanalyse Sigmund Freuds auf.

 

Freud lebte mit seiner Mutter Amalie und seinem Vater Jacob in Freiberg. Die Mutter war eigentlich die Tochter eines Gesch�ftskollegen ihres Mannes. Das heisst, dass die M�tter mit 19 Jahren an einen 40 j�hrigen Mann verheiratet wurde. Jakob brachte in diese Ehe noch zwei S�hne aus seiner vorherigen Ehe mit. Der j�ngere Sohn, Phillip war etwa gleichaltrig mit Freuds Mutter. Aus seinen Briefen, Tageb�chern und niedergeschriebenen Tr�umen ist deutlich zu erfahren, dass die Mutter mit dem alten Vater ziemlich ungl�cklich war und die Ver-mutung liegt nahe, dass sie ein Verh�ltnis mit Freuds Halbbruder Phillip unterhielt. Marianne Kr�ll res�miert:
Festzuhalten ist jedoch, dass die Ödipustheorie, die er in dieser vielleicht aufw�hlendsten Phase seines Lebens entwickelte, auf Bildern basiert, die in seiner Herkunftsfamilie eine Realit�t waren. Die «Urhorde», die er als Ursprung des universellen Ödipuskonflikts beim m�nnlichen Kind ansah, gab es in Freiberg wirklich: Da war der alte Vater und die junge Mutter, die in dieser Ehe nicht gl�cklich war. Sigmund beobachtete, dass es da passendere «V�ter» gab, n�mlich seine erwachsenen Halbbr�der, von denen einer, Emanuel, in einer «richtigen» Ehe mit einer gleichaltrigen Frau verheiratet war, w�hrend der andere, Philipp, unverheiratet war und sich offensichtlich f�r die mit ihm gleichaltrige Mutter Amalie interessierte. Sigmund, der Dreij�hrige, fantasierte sich in die Gestalt eines Liebhabers der Mutter, den er als realen Mann vor Augen hatte. Ich frage mich, ob er ohne dieses Vorbild �dipale W�nsche auf Mutter und Vater h�tte richten k�nnen. W�re er, wenn er in einer anderen Familienkonstellation aufgewachsen w�re, zur Entdeckung des Ödipuskonflikts gekommen?»

 

 

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