pool position #01.

fritz scheibler. familienaus(f)stellung.
vortrag. (4/6)

 

Als zweites, prominentes Beispiel nennt Kr�ll die Familie Mann. Die im wahrsten Sinne des Wortes spannende Familienkonstellation Thomas Manns l�sst sich am einfachsten anhand eines Bildes erl�utern.

Die Mutter der Mutter verstirbt bei der Geburt eines Kindes mit 28 Jahren. Der Vater bringt seine Kinder aus dem paradiesischen Brasilien zur�ck nach Bremen und geht selbst mit der Schwester der verstorbenen nach Brasilien zur�ck. Julia bleibt zur�ck und w�chst wie ein Waisenkind in einem Pensionat auf. Sie heiratet den reichen Kaufmann Heinrich Mann, der �brigens auch noch der Senator der Stadt L�beck ist. Die Hochzeit scheint �hnlich wie bei Amalie Freud nicht gerade eine Liebesheirat darzustellen. Julia versucht im Folgenden, ihre etwas «vermurkste» Kindheit nach-zuholen. Sie «verkommt» - zumindest in Thomas� Augen immer mehr und mit ihr die gesamte Familie.

Interessanter Weise handeln die beiden Erstlingsromane sowohl von Thomas Mann, als auch von seinem �lteren Bruder Heinrich Mann von dieser Familie. Heinrichs Roman: «In einer Familie» ger�t v�llig in Vergessenheit. Thomas� Roman: Die Buddenbrooks» wird mit dem Nobelpreis bedacht.

Kr�ll konstatiert:
«Ihre Kinder lebten die Zerrissenheit der Mutter aus: Die S�hne in ihrer Literatur, die sie ber�hmt machte - die T�chter im Leben, an dem sie scheiterten. Carla ver�bte mit 28 Jahren Selbstmord, nachdem sie in ihrem Beruf als Schauspielerin nicht re�ssieren konnte und eine Ehe eingehen wollte. Der Verlobte hatte sich von ihr abgewandt, als er von ihrem leichtlebigen Vorleben erfuhr. Lula starb ebenfalls von eigener Hand, nachdem sie zun�chst hochb�rgerlich aber ungl�cklich verheiratet war. Nach dem Tod ihres Mannes wurde sie morphiums�chtig und erh�ngte sich.»

Beide Br�der haben also in ihren Erstlingsromanen die tragische Familiendynamik, die sie selbst erlebten, literarisch umgesetzt. Doch so wie ihr jeweiliges Erleben sich unterschied, ist auch ihr jeweiliges literarisches Produkt verschieden. Heinrich weist die Schuld der Mutter zu, aber auch sich selbst, indem er sich zu ihrem verf�hrten Liebhaber macht, der eigentlich Selbstmord ver�ben m�sste. Thomas deutet die schuldhafte Verstrickung der Mutter nur an und entl�sst sie aus der Schuld. Es ist der kleine Sohn - er selbst - der f�r sie mit seinem Tod b�sst.

Ich meine, man kann an diesen beiden Erstlingsromanen, die ja auch zeitlich noch sehr nahe zu ihrer eigenen Kindheit entstanden, erkennen, wie genau beide S�hne die Dynamik ihrer Familie und die Seele ihrer Mutter verstanden. Allerdings wussten die S�hne f�r ihre Roman-M�tter auch keinen Ausweg als Tod und Verzweiflung.»

Diese Darstellung habe ich �brigens von der Homepage von Bernd Hellinger. Hellinger gilt als der Begr�nder der sogenannten Familienaufstellung. Die Familie als System zu betrachten, und mit lebendigen Personen im realen Raum vom Klienten aufstellen zu lassen, erm�glicht es, lineare Kausalit�t zu �berwinden und nach dysfunktionalen Interaktionsmustern, famili�ren Delegationen und pers�nlichen Skripts zu suchen. Hellinger macht auf seiner Seite einen Vorschlag, wie die Span-nungen in der Familie Mann aufzul�sen gewesen w�ren.

 

Entscheidend ist dabei, dass der Klient (der Aufsteller) sich vor jede Aufgestellte Person stellt, und ihm einen guten Platz in der Familie gibt. Die Aufl�sung der Spannungen wird mit dem Satz: «Ich gebe Dir die Ehre» dokumentiert.

Man kann zu dieser Art der Therapie sehr geteilter Meinung sein. Kritiker behaupten, diese Kurzform k�nne die oft jahrelange Arbeit an der Pers�nlichkeit nicht ersetzen, ja sie w�rde sogar Wunden aufreissen, die sie nicht zu heilen in der Lage sei. Andere, die schon einmal eine Aufstellung miterlebt haben, sind hellauf begeistert.

F�r mich als Soziologen stellt sich nur eine Frage. Warum m�ssen diese L�sungs-bilder immer so symmetrisch sein? Ich zeige Ihnen noch ein Bild, dass Hellinger als Ist-Zustand und L�sung der Familie Thomas Manns erstellt hat.

 

Wenn die Familie Thomas Manns so harmonisch gewesen w�re, wie es im rechten Bild erscheint, h�tte er sicherlich ein angenehmeres Leben gehabt. M�glicher weise h�tten sich dann weder seine beiden Schwestern, noch zwei seiner S�hne das Leben genommen. Fraglich w�re allerdings auch, ob er dann in der Lage gewesen w�re, Weltliteratur zu erschaffen. Vielleicht w�re er, dem Vorbild und Wunsch seines Vaters entsprechend, Kaufmann geworden und h�tte maximal noch in seiner Freizeit ein wenig Volks-Lyrik verfasst. Mit Titeln wie: Der «Tauben-Kot in Venedig» oder «Der Butterberg».

 

 

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