pool position #01.

fritz scheibler. familienaus(f)stellung.
vortrag. (6/6)

Zugabe: Meine Tipps für KünstlerInnen

Zur Produktion von Kunst: Versuchen Sie Spannungen in Ihrer Familie gezielt aufzuspüren und aufzubauen:
Dabei ist entscheidend, dass diese Spannungen in den Generationen Ihrer Eltern und Grosseltern erzeugt werden müssen. Von Spannungen ihrer Kinder und Enkel haben Sie nichts! Also: Fragen Sie Ihre Eltern, ob Sie ein Wunschkind waren. Wenn nein dann sind Sie eine tragische Kreatur: Ab ins Atelier! Wenn ja, müssen Sie leider davon ausgehen, dass Ihnen nicht die Wahrheit erzählt wurde. Stellen Sie Fang-fragen. Versuchen Sie, Ihre Eltern und Grosseltern in Widersprüche zu verstricken.

Finden Sie heraus, ob eines Ihrer Elternteile (oder gar Ihre Grosseltern) ein Verhält-nis, oder eine Affäre hat (oder hatte). Engagieren Sie zu diesem Zweck gerne einen Privatdetektiv, oder lassen Sie Gentests in ihrer gesamten Familie durchführen. Viel-leicht sind Sie nämlich gar nicht das Kind Ihrer Eltern oder der Enkel Ihrer Gross-eltern! (20% aller deutschen Kinder stammen nicht von ihren offiziellen Vätern ab. Wie muss das erst in der Schweiz sein!). Wenn ja, ist das schlimm. Nicht nur für den betrogenen Partner (mit dem Sie das alles ausführlich diskutieren sollten), sondern auch für Sie selbst: Ihre Eltern und Grosseltern waren ähnlich unglücklich in ihren Beziehungen wie Amalie Freud oder Julia Mann, oder vielleicht sogar noch unglücklicher! Was meinen Sie, was das für Sie, Ihr Leben und Ihre Kunst alles bedeutet!

Finden Sie heraus, welches Ihrer Geschwister das Lieblingskind Ihrer Eltern und Grosseltern war. Wenn Ihre Eltern behaupten, Sie selbst wären das Lieblingskind gewesen, dann ist es ganz kritisch um Sie bestellt. So etwas behauptet man nämlich nur aus Mitleid!

Nützen Sie die Gelegenheit, wenn eines Ihrer Geschwister einen erfolglosen Roman schreibt oder ein hässliches Bild malt. Schreiben Sie einen Roman mit dem gleichen Inhalt oder malen Sie ein Bild mit dem gleichen Motiv! Erstens steigern Sie dadurch die Spannungen in Ihrer Familie und zweitens haben Sie statistisch gesehen gute Chancen, den Nobelpreis zu erhalten.

(Weiterführende Literatur: Paul Watzlawick, Anleitung zum Unglücklichsein, Piper 2000)

 

Zur Rezeption Ihrer Kunst:
Stellen Sie Berührungspunkte mit Ihren Bewunderern her.

Versuchen Sie z.B. einen kleinen Unfall zu fingieren bei dem Sie auf Ihrer Vernissage ausrutschen, und über einen Besucher stolpern. Schütten Sie dabei gezielt ein Glas Rotwein über sein Hemd oder drücken Sie unabsichtlich Ihre Zigarette aus dessen Handrücken aus. Versuchen Sie dabei geschickt ins Gespräch zu kommen.

Oder fangen Sie mit einem Ihrer Förderer ein Verhältnis an. Das ist gut für die Generation Ihrer Kinder und Enkel, weil die das garantiert einmal herausfinden werden, und es ist förderlich für das Verständnis Ihres Werkes!

Eine andere Strategie könnte man als Präventivschlag bezeichnen. Gehen Sie davon aus, dass Ihre Bewunderer und Kritiker allesamt inkompetent sind. Reagieren Sie auf jedes Kommentar sehr emotional. Sparen Sie nicht an entsprechenden Du-Botschaf-ten und lassen Sie sich auf ausgedehnte Diskussionen ein.

(Weiterführende Literatur: Peter Handke, Publikumsbeschimpfungen und andere Sprechstücke, Suhrkamp 1966)

 

 

rückwärts |  vorwärts
teil 1 |  teil 2 |  teil 3 |  teil 4 |  teil 5 |  teil 6

 

zurück zum projekt