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marion landolt. zur arbeit von katja schenker.

Katja Schenker (*1968) studierte in Zürich Komparatistik, Kunstgeschichte und Philosophie und trat bereits während ihres Studiums als Co Kuratorin in der Kunsthalle St. Gallen in Erscheinung. Es folgten diverse Jurierungen, Textbeiträge zur zeitgenössischen Kunst, Vorträge, die Arbeit als Redaktorin im Parkett Verlag und verschiedene Lehraufträge.
Ende der 90er Jahre entschied sie sich, die Fronten zu wechseln und selbst künstlerisch tätig zu werden. Sie produzierte zunächst eigene literarische Texte und trat dann, in einem weiteren Schritt, 1999 als Studentin an die Hochschule für Gestaltung und Kunst in Zürich ein.
In der kurzen Zeitspanne von Ende 1999 bis heute erarbeitete Katja Schenker 8 Performances. Daneben entstanden Videoperformances eine reine Videoproduktion, die sie im letzten Jahr im Helmhaus in Zürich zeigte und ein grosses Konvolut an Zeichnungen.

Katja Schenker ist in der Ausstellung mit acht Gouachen, 4 Acrylzeichnungen und mit einer Videodokumentation vertreten. Im wöchentlichen Wechsel werden die Performances, die sie zwischen 1999 und 2002 in Lausanne, Zürich, Basel, Bern, Frauenfeld und auf der Insel Ufenau - um nur einige Orte zu nennen - aufgeführt hat, gezeigt. Den Anfang in diesem Zyklus bilden die beiden Dokumentationen von «envers» (2000), «weiche Knie» (2001).

In «envers» sehen wir einen kunstvoll aufgebauten Turm aus Gläsern, Flaschen und Vasen, der kreisförmig angeordnet eine grosse Fläche im Ausstellungsraum Shed im Eisenwerk in Frauenfeld bedeckt. In diesem Turm gibt es eine Art Eintrittsloch, durch das die Künstlerin, will sie ins Zentrum des Kreises, kriechen muss. Im Inneren des Kreises angekommen, legt sie sich einen Helm, mit Sichtschutz und ein paar Arbeitshandschuhe an. Sie hebt einen, am Boden liegenden Reif, von dem aus breite Bänder bis unter den Glasaufbau führen, und zieht mit einem enormen Kraftaufwand die Bänder unter den Gläsern weg. Die Folge ist logischerweise, dass der ganze schöne Glasturm mit einem mächtigen Getöse zusammenfällt und sich in einen riesigen Scherbenhaufen verwandelt.

Im wahrsten Sinne des Wortes «weiche Knie» hatte Katja Schenker bei ihrer Performance in der Kunsthalle Zürich. Wir sehen die Künstlerin auf einem Stuhl sitzend, beide Beine dick mit Wollefäden umwickelt. Sie greift zu einem Messer und schneidet mit gezielten Schnitten diese Fäden auf. Deutlich sichtbar zerschneidet sie nur die Wolle und doch fragt man sich in jedem Moment gespannt, wann wohl das Messer ihre Haut ritzen wird. Die Spannung, die sich aus dem Erscheinungsbild von weichem, schönfarbigem Material und der verhaltenen Gewalttätigkeit der Schnitte ergibt, ist nahezu unerträglich. Doch dann holt sie in einem weiteren Schritt Kartonstücke aus der zerschnittenen Wolle hervor und entsteigt unversehrt dem weichen Gebilde. Zurück bleibt ein riesiger, bunter, flauschigweicher Pompom.

Katja Schenker bezeichnet sich selbst als Performerin. Der technische Bildfindungsprozess des Dokumentationsmediums interessiert sie nicht. Sie zieht es vor Bilder im Raum entstehen zu lassen, direkt vor den Augen des Publikums. Flüchtige Bilder, die eigentlich nur im Kopf des Betrachters weiterleben sollten. Sie ist darauf bedacht, eine spürbare Sinnlichkeit aus der Verbindung von Raum, Material und der gespannten Erwartung der Besucher entstehen zu lassen. Die direkte Umsetzung von kreativer und körperlicher Energie überträgt sich unmittelbar auf den umliegenden Raum und alle, die sich darin befinden. Gezielt kompositorisch setzt sie dabei das Medium Farbe ein. Zumeist verwendet sie in ihren Performances weiche, harmonische Farbtöne und ebensolche Materialien.

Die Künstlerin legt es ihren Performances darauf an, unter einem enormen körperlichen Einsatz die eigenen Grenzen abzutasten. Sie braucht dazu keine spektakulären Mittel von aussen, die Herausforderung kommt aus ihr selbst. Ihre hohe Sensibilität und ungewöhnliche Konzentration ermöglichen es ihr, sich Situationen auszusetzen, die nach kurzer Zeit auf das Publikum beklemmend wirken. Gezielt setzt sie die Ambivalenz zwischen Verletzlichkeit und Aggressivität, stiller Sinnlichkeit und kraftvoller Aktivität ins Bild.
So bedeckt sie z. B. eine samtig grüne Grasfläche mit farbigen Tüchern, um dann in einem penetrationsartigen Akt mit einem Hammer einen Pfahl durch den Stoff in die Erde zu treiben. Doch auch das was auf den ersten Blick so zerstörerisch erscheint, erweist sich als kreativer Prozess. Die Farbe, der Stoff, die in die Erde getrieben werden, verändern die Zusammensetzung dieser Erde, lassen aus einer gewaltsamen Verbindung etwas Neues entstehen.

In ihren Performances setzt Katja Schenker häufig Materialien ein, die dem klassischen Wahrnehmungsmuster folgend der weiblichen Sphäre zugeordnet werden können. Sie verwendet diese symbolträchtigen Stoffe wie Zitate aus unserer Kultur. Im Umgang mit diesen Zitaten beweist sie jedoch eine wahrhaft emanzipatorische Haltung, indem sie weibliche Symbolik und aktive männliche Handlung gleichstark nebeneinander setzt, ja sie in ihrer eigenen Person zu einem neuen, dritten Prinzip jenseits aller geschlechstspezifischen Zuordnung zusammenführt.

Die Gouachen von Katja Schenker verdanken ihre Entstehung einer ähnlichen arbeitstechnischen Grundhaltung, wie die Performances. In einem, in seiner zeitlichen Dimension unberechenbaren, meditativen Prozess entwickelt sich die Bereitschaft ein vorgegebenes Format materiell zu füllen. Dieser intime Akt der mentalen Vorbereitung bleibt dem Betrachter des fertigen Produktes weitgehend verschlossen. Was sich unserem Auge mitteilt, ist das Ergebnis der direkten Umsetzung von körperlicher und geistiger Energie. Materie in Form von Farbe breitet sich auf dem Blatt Papier aus, füllt die zur Verfügung stehende Fläche bis an ihre Grenzen aus, ohne diese jemals zu überschreiten. Der Expansionsdrang der Farbe, in Verbindung mit ihrer materiellen Wirkungskraft wird so nach Innen gelenkt. Die grundlegenden Gestaltungsmittel der Malerei - Form Farbe und Fläche - werden in eine Verbindung gesetzt, die ganz aus sich heraus wirkt. Dem Betrachter wird somit die Möglichkeit gegeben, sich ungehindert auf das Bild zu konzentrieren, ohne sich fragen zu müssen, wie es wohl entstanden sei, oder was sich an versteckten Inhalten darin verberge. Rückschlüsse auf die individuelle Stimmung der Künstlerin, oder auf den Entstehungsprozess werden völlig ausgeschaltet. Die von Kandinsky aufgestellte Kette «Künstler-Werk-Betrachter» wird auf die beiden letzten Glieder reduziert. Alleingelassen mit dem Bild eröffnet sich dem Rezipienten in ungewohntem Masse Platz für eigene Empfindungen.

 

> marion landolt. zur arbeit von anina schenker.