pool position #01.

marion landolt. zur arbeit von lucie schenker.

Bei Lucie Schenker (*1943) war die Voraussetzung für eine künstlerische Karriere bereits durch ihre Berufsausbildung zur Textilentwerferin programmiert. Die Gründung einer Familie und die Erziehung ihrer Töchter hat den Einstieg in die Kunst lediglich ein wenig verzögert.
Folgerichtig arbeitet sie bereits ab 1978 als bildende Künstlerin in den Bereichen Skulptur, Zeichnung, Grafik und Kunst am Bau.

Lucie Schenker ist diejenige in dem Dreiergespann, deren künstlerische Arbeit in der Region St. Gallen wohl am besten bekannt ist. In zahlreichen Ausstellungen hat sie uns ihr skulpturales Konzept, sowie ihren spielerischen und dennoch geometrisch exakten Umgang mit Metalldrähten und Metallgeweben näher gebracht. Immer wieder von Neuem hat sie es verstanden, ihre Fähigkeit im Umgang mit diesem Material neu zu definieren. Mit jedem neuen Aspekt den sie ihrer Arbeit verlieh, sei es durch den Einbezug von Farbe, sei es - wie Corinne Schatz in der Publikation «Die Vorstellung Gedanken Das Material» formulierte - durch «die Widersprüchlichkeit zwischen» der «physischen Realität» und der «Erscheinung» ihrer Werke, gelang es der Künstlerin, den Betrachter in eine neue Wahrnehmungsebene entführen. Aber Lucie Schenker entzog uns nie das Gefühl einer prinzipiellen tiefen Vertrautheit mit ihrer Arbeit, sie mutete uns keine gewaltsamen Veränderungen zu.

Um so grösser erscheint der Überraschungsaspekt, bei der Begegnung mit ihrem neusten Werk. Am Boden liegend, befindet sich ein gänzlich unerwartetes grünes Gebilde. Ein Gewirr aus gebogenen selbstreflektierenden grünen Acrylglasstäben. Ein Gewirr von Linien Materialsträngen. Vom Drahtgeflecht zum Gedankenstrang. Vom Gitter zur Linie. Linie Zeichnung Wort Schrift das sind erste Assoziationen, die sich dem Besucher aufdrängen. Dazu kommt ein Gefühl von Freiheit, Leichtigkeit, Offenheit. Der Einsatz eines neuen Materials, das in seiner endgültigen Verwendung noch nicht definiert ist, aus dem noch alles entstehen kann, wirkt verheissungsvoll. Dem offenen Materialraum entspricht ein offener Gedankenraum.

Die prinzipielle Anliegen der Künstlerin, im Umgang mit materiell dichten Werkstoffen eine grösstmögliche Transparenz zu erzeugen, die Wirkung von Licht als integralen Bestandteil eines Werkes erscheinen zu lassen und so ein Gefühl von Schwerelosigkeit zu erzeugen, sind auch in dieser Arbeit bestimmend. Wir erinnern uns an das Werk, das Lucie Schenker im Jahr 2000 in der Nähe von Ulm realisieren konnte. Die Kreissparkasse Biberach hatte 10 Künstlerinnen zum Wettbewerb für ein Kunst am Bau Projekt eingeladen, aus dem Lucie Schenker als Siegerin für den Aussenbereich hervorging. Sie richtete vor dem Dienstleistungszentrum in Laupheim eine Installation ein, die technisch zwar aufwändig, in ihrer Erscheinungsweise aber beeindruckend ephemer ist. In den Boden vor dem Gebäude sind 12 Düsen eingelassen, in deren Mitte Scheinwerfer installiert sind. Aus diesen Düsen tritt in regelmässigen Abständen ein Dampfstrahl aus, der sich bis zu einer Höhe von ca. 9 Metern in die Luft erhebt. Angestrahlt von rotem Licht, dass den Strahl überhaupt erst sichtbar werden lässt.
Nach etwa 4 Minuten löst sich der Dampf auf, der Mechanismus, der ihn über ein System bestehend aus einer turbinenbetriebenen Nebelmaschine und einem in den Boden eingelassenen Schacht zu den Düsen leitet, schaltet sich ab. Es bleibt nichts als eine unauffällige Installation am Boden, bis sich das eindrucksvolle Spektakel nach Ablauf von zwanzig Minuten wiederholt.

Die chaotisch anmutende Installation, die Lucie Schenker im Ausstellungsraum exex zeigt, wird sich nicht in Rauch oder in Dampf auflösen. Wie ein noch nicht eingelöstes Versprechen, erhebt sie sich im Raum, Neugierde weckend, auf das, was sich aus diesem Chaos entwickeln wird.

Wenn Sie jedoch eher den vertrauten Umgang mit dem vertrauten Material suchen, so lässt sie Lucie Schenker auch diesmal nicht im Stich. Eine der tunnelartigen Skulpturen, die sie in der Ausstellung im Prisma in Arbon zeigte, hat auch den Weg in diese Ausstellung gefunden.
Wenn Ihnen die Arbeit heute etwas fremd erscheint, so liegt das daran, dass sie tatsächlich eine Transformationsprozess durchlaufen hat. Doch das ist eine andere Geschichte, die Ihnen Lucie sicher gerne erzählen wird.

Mit der neuen Arbeit aus selbstreflektierendem Acrylglas ist es Lucie Schenker jedenfalls wundervoll gelungen, das Anliegen der beiden Kuratoren dieses Raumes umzusetzen. Anita Zimmermann und Matthias Kuhn erhebn in ihrem Ausstellungskonzept den permanenten Wandel zum Programm. Sie wünschen sich, dass aus dem exex ein Experimentierraum wird. Ein Raum indem Prozesse sichtbar gemacht werden. Entstehungsprozesse, Gedankenprozesse, Prozesse, die zum Gespräch anregen, Prozesse, die befruchtend auf unsere Imgination und auf das künstlerische Geschehen in dieser Stadt wirken.
Ein Raum wie ein Materiallager, ähnlich dem Gestell, dass sich hier an der Wand befindet und in dem es noch unzählige Schätze zu entdecken gibt. Schätze die vielleicht schon an einer der nächsten Veranstaltungen gehoben werden.

 

> marion landolt. zur arbeit von anina schenker.
> marion landolt. zur arbeit von katja schenker.