karin bucher/gabriela zumstein
katzen, kaelber, huehner und ein prinz
drei gespraeche im krankenheim

 

«doktor frank hat alles gemacht. er war ein ganz guter chirurg und ein sehr vaeterlicher typ. im grunde genommen war er die seele. er war immer blitzgeschwind da, wenn man ihn brauchte. ich habe ihn einmal gefragt, ob er eigentlich den motor am auto laufen lasse, wenn er zu bett gehe. ja, wir waren gut dran mit doktor frank und unserem kleinen spital.»
margreth sturzenegger

«es hat sich sehr viel veraendert in den 16 jahren, in denen ich hier gearbeitet habe. vor allem hat sich die bewohnerzahl veraendert. frueher haben wir so gepflegt, dass wir schnell, schnell gemacht haben und jetzt koennen wir es uns leisten, dass wir zeit haben fuer die bewohner. die pflege hat an qualitaet gewonnen. das ist fuer die leute und fuer das team sehr schoen.»
marija paurevic

«damals haben wir in den spitaelern noch kataplasmen gemacht, bei leberschmerzen haben wir warme leinsamenkissen aufgelegt ... ja ja. manchmal wurde auch jemand aus der familie eines naturarztes eingewiesen, da hat man dann nicht so wuest getan und hat auch naturheilmittel verabreicht. das hat man gemacht! alles unter der aufsicht des arztes, man hat nie etwas hinten herum gemacht. da hat man drauf geschaut.»
margreth sturzenegger

«das haus war ueberlaufen mit bewohnerinnen und bewohnern. alle raeume wo leute sein konnten, wurden gebraucht, bis wir fast jemand in die badewanne taten, damit er noch irgendwo liegen und schlafen konnte. das tat mir auch weh.»
peter lenz

«ich weiss noch, wie ich im gang den ersten tisch bekam. da war ich gluecklich! das heim war noch voll und wir hatten keinen aufenthaltsraum. das war, bevor man unten die zellweger-stube und oben einen aufenthaltsraum einrichtete. als ich dann unten und oben im gang einen tisch bekam, konnte man die patienten aus den zimmern holen und an den tisch setzen. dort konnten sie jassen und stricken und waren ein bisschen in gesellschaft.»
margreth sturzenegger
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«frueher hat man die betten noch auf der terrasse gesonnt. die terrasse war undicht! da musste man sicher drei mal alles aufmachen und flicken, sie war trotzdem noch immer undicht. bei einer frau hat es deshalb immer hinein geregnet. aber sie war trotzdem gluecklich, wenn es geregnet hat. sie war eine bettlaegerige patientin, die nicht mehr nach draussen gehen konnte. und wenn es dann geregnet hat, hat sie immer gerufen: «kann ich einen schirm haben?» dann brachte man ihr den schirm. und sie war gluecklich, dass es geregnet hat.»
margreth sturzenegger

«die arbeit hat sich natuerlich stark veraendert ... und auch das krankenbild. man ging damals davon aus, was ein krankheitsbild an pflege erfordert, man ging mehr von sich aus. aus ueberzeugung, dass es einfach fluessigkeit braucht im leben, war es zum beispiel frueher so, dass man den leuten moeglichst viel davon zukommen liess, weil man fand: das brauchen sie, das ist wichtig fuer sie. das hat sich gewandelt im laufe der zeit. wir haben uns immer mehr darauf konzentriert: was brauchen eigentlich die bewohner? essenszeiten wurden angepasst, arbeitszeiten wurden umgestellt, so, dass es fuer die bewohner optimal war.»
peter lenz

«einmal haben wir in absprache mit dem kindergarten eine herbstaktion gemacht. fuer eine woche war in den gaengen und in der stube laub. das war schoen mit den geraeuschen im laub. vor allem die bewohner haben es genossen. die alten, verwirrten leute nehmen die geraeusche viel besser wahr als die leute, die noch juenger und gesund sind. es lief immer wieder etwas in unserem haus, wir haben immer wieder etwas fuer unsere bewohner gemacht, damit der alltag nicht oed und langweilig wird und dass etwas vom leben von draussen reinkommt.»
marija paurevic

«einmal habe ich gedacht, dass vielleicht die eine oder andere frau noch etwas tun koennte, statt immer nur am tisch zu sitzen. ich habe zu einer bewohnerin gesagt: «haetten sie nicht lust fuer ihren sohn zu weihnachten ein paar socken zu stricken? ich wuerde ihnen die wolle schon besorgen.» sie sagte: «ich bin 62 gewesen und schon pensioniert! ich werde jetzt nicht stricken!» eine andere bewohnerin, die die hand nicht mehr gut bewegen konnte, fragte, ob sie einen geschirrlappen stricken koenne, ob das wohl ginge. ich sagte nur: «das werden wir probieren!» am andern morgen habe ich von zu hause zwei nadeln und ein bisschen garn mitgebracht. diese bewohnerin hat dann wirklich fuer ihre cousins zu weihnachten geschirrlappen gestrickt. eine patientin hatten wir, die hat immer gestickt und gestickt und gestickt. wir wussten schon gar nicht mehr wohin mit all den kissen. sie sass ganz zufrieden im bett ... sie konnte auch alle schoenen gedichte auswendig: «haet's aecht do obe bauelle feil? / sie schuetted em e redli teil / uf d'taecher abe ond uf's huus, / es schneit doch au, es isch en gruus! / es hangt no menge wage voll / am himmel obe, glob mer's wohl.> so ging das.»
margreth sturzenegger
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«die leute lebten hier zum teil ueber jahre und praegten so ein zimmer. so benennen wir heute manchmal noch ein zimmer nach dem namen der person, auch wenn sie nicht mehr da ist, wie zum beispiel: das zimmer von schwester emmi.» peter lenz

«im hintersten zimmer im untersten stock ganz zu hinterst war prinz heinrich. er war ein fast gehoerloser patient, ein ehemaliger stickereizeichner. ein sehr lieber mensch. ich weiss nicht mehr, wieso ich ihn prinz heinrich genannt habe, ich glaube es war wegen seiner schoenen kleider. er hatte schoene socken,schoene hemden, schoene pullover. er war sehr, sehr anhaenglich. wenn irgendetwas war, dann kam er immer gleich zu mir. und er nannte mich frau, er sagte immer frau zu mir. an einem schoenen tag kam der verwalter aus heiden und prinz heinrich hoeckelte vor dem buero. ich sagte zum verwalter noch, dass wir jetzt die tuere offen lassen muessten, denn der prinz heinrich sei eifersuechtig. der verwalter sagte nur, das kaeme ueberhaupt nicht in frage, er wolle mit mir alleine reden und nicht mit dem da draussen! als wir dann mit dem gespraech fertig waren und das nachtessen verteilt wurde, war prinz heinrich verschwunden. ich sagte zum verwalter: «so, jetzt koennen sie hier bleiben, bis wir ihn wieder gefunden haben!» er fragte nur, ob ich wirklich meine, der sei weggelaufen. ich war ganz sicher, dass er weggelaufen war. wir haben ueberall gesucht,ums haus herum, im garten, im seeblick oben, ueberall. aber prinz heinrich war nirgends. wir mussten die polizei benachrichtigen. zuerst habe ich aber noch den sohn angerufen und ihm gesagt, dass der prinz heinrich weggelaufen sei. endlich haben wir bericht bekommen, der prinz heinrich sei in der grossen saege hinten. es war schon dunkel. ich ging mit der polizei mit, um ihn zu holen. scheinbar ist er vom krankenheim in die bleiche hinunter gegangen und dann den steilen, stotzigen weg hinauf in den lindenbuehl und hinaus in die grosse saege. wir kamen in die wirtschaft hinein, als er grad einen kaffee trank. er hat geschimpft und ich habe nur gesagt: «prinz heinrich, das ist nicht richtig! gehen wir jetzt wieder nach hause?» er stand auf und kam mit dem auto mit. ich sagte zu ihm: «du bist ja ganz kalt, prinz heinrich, du musst zu hause ins warme bad.» und er kam ganz willig mit. er ist dann nie mehr weggelaufen. aber eben, das kann passieren ...»
margreth sturzenegger

«die einen bewohner haben sich sehr persoenlich eingerichtet, andere sehr zurueckhaltend und spartanisch.»
peter lenz
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«manchmal waren die patienten untereinander auch nicht so zufrieden und dann musste man schlichten. einmal kam ich in ein zimmer, weil ich eben gehoert hatte, dass laerm war, und da sah ich gerade, wie die eine frau der andern eine schachtel chroemli hinueber warf und sagte: wahrscheinlich haben die beiden die schachtel bekommen und sollten teilen. mir war es schon lange aufgefallen, dass die beiden nicht so gut zusammen passten. ich dachte: «was soll ich jetzt tun?» jetzt hatten wir im haus ein kleines chaemmerli, das hiess das sterbechaemmerli, also das sterbezimmer. ich habe ja meine leute immer in die apotheke genommen, wenn sie im sterben lagen. jetzt habe ich diese frau gefragt, wie das denn waere, wenn ich ihr das sterbezimmer gaebe. da war ein bett drin und ein nachtkaestchen. sie war einverstanden und wir haben das sterbezimmer eingerichtet und ihre sachen geholt. als ich am abend die runde machte, um allen eine gute nacht zu wuenschen, bin ich auch bei diesem zimmerchen vorbei gegangen und habe die tuere geoeffnet. da sass die frau im bett und betete: «heilige mutter gottes. ich danke dir, dass du der oberin einen so guten gedanken gegeben hast, dass ich jetzt allein sein kann!» dann bin ich rein und sie sagte: «wuerden sie mir bitte das kissen schuetteln?»»
margreth sturzenegger

«fuer mich war wichtig, dass die bewohner sagen konnten, was sie wollen. ein brunch am sonntag mit alten leuten schien am anfang fuer viele eine spinnige idee. die begruendung war, dass ihnen der sonntagsbraten doch fehlen wuerde. alles ist dann sehr gut angelaufen. auch die leute im rollstuhl wurden ans buffet gebracht, so konnten sie auslesen, was sie gerne haben. gipfeli und weggli wurden direkt in der stube aufgebacken, damit die bewohner den geruch aufnehmen und wahrnehmen konnten.»
peter lenz

«wir haben im krankenheim immer weihnachten gefeiert. der foerster brachte uns den baum, den haben wir geschmueckt mit allem was wir hatten. frueher waren noch diakonissen im haus, die haben alles schoene mitgenommen. deshalb mussten wir langsam alles wieder anschaffen. meine krippe war jedes jahr im grossen saal. manchmal kam auch jemand singen oder handorgel spielen. und jedes jahr einmal haben wir mit dem rotkreuzwagen einen ausflug gemacht. in der stube hatten wir auch eine schoene uhr, auf der man sah wie spaet es ist. und ein klavier hatten wir auch. das haben wir geschenkt bekommen.»
margreth sturzenegger

«wir waren sicher das erste pflegeheim, das katzen hielt. wir hatten auch huehner, weil ein querschnittgelaehmter mann, der zu uns kam, zu hause ein richtiger huehnerzuechter gewesen war. da fand ich, die nehmen wir jetzt einfach mit hierher, diese huehner. wir haben draussen ein gehege gebaut, damit er mit dem rollstuhl hinfahren konnte. er war immer sehr besorgt, wie es seinem gueggel und seinen hennen gehe. so konnte er immer hingehen und schauen. frueher wollte man alles so steril halten in den pflegeheimen und hat gar nicht daran gedacht, dass die natuerliche umgebung eigentlich die beste ist. ich fand es gesuender, dass die leute etwas lebendiges um sich haben.»
peter lenz

«im pflegeheim lebte damals auch ein bauer, er war im rollstuhl. sein sohn bestellte den hof. eines tages kam der sohn mit einem kaelbchen. wir haben es erst gesehen, als es schon neben dem bett des vaters stand. der sohn kam direkt von der viehschau und wollte dem vater das schoene kaelbchen zeigen. da fragte ich ihn, wie er denn ins haus gekommen sei. ueber die treppe, sagte er, aber jetzt koenne es nicht wieder ueber die treppe hinaus. da haben wir das kalb zu viert in den lift gezogen und so hat es das haus wieder verlassen. ich war dem sohn nicht boese.»
margreth sturzenegger
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«es hat sich auch deshalb veraendert, weil wir sehr viel abschied nehmen mussten.»
marija paurevic

«die energie der toten blieb sicher oft noch eine weile im haus. wir liessen jeweils die fenster offen, damit das gehen konnte, was gehen musste und wollte.»
peter lenz

«ich arbeite lieber in alten haeusern als in neuen. das alte steht mir besser als irgendetwas neues. wir haben die erfahrung gemacht, dass auch fuer die alten leute die atmosphaere in alten haeusern viel angenehmer ist als in schoenen, neuen haeusern. mit den juengeren angehoerigen haben wir andere erfahrungen gemacht, sie wollen lieber etwas neueres, etwas moderneres und denken, die alten brauchen das auch.»
marija paurevic
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(die ausschnitte stammen aus gespraechen mit margreth sturzenegger, von 1971 bis 1976 oberschwester im bezirksspital und ab 1976 bis 1985 leiterin des kranken- und pflegeheims trogen; peter lenz, von 1985 bis 2006 leiter des kranken- und pflegeheims trogen; marija paurevic, von 1990 bis 2006 oberschwester im kranken- und pflegeheim trogen.

die gespraeche wurden im juni 2006 gefuehrt von gabriela zumstein und karin bucher, notiert wurden sie von matthias kuhn und sonja hugentobler.)
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